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Der Drogenhandel und der Zustand der Stadt – Ben Fayot


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Der Aufschrei der Einwohner des Bahnhofsviertels hat die Politik und die Polizei zu einer schärferen Gangart gegen den auf offener Straße betriebenen Drogenhandel bewegt. Es war übrigens nicht das erste Mal, dass die Einwohner des Garer Viertels gegen die organisierte Kriminalität in ihrer direkten Nachbarschaft protestiert haben. Nach einer gewissen Zeit hat sich dann der Aktivismus der Behörden wieder anderen Prioritäten zugewendet. Das soll sich diesmal ändern, wird beschworen. Warten wir ab.

Der rezente Vorfall zeigt auf jeden Fall, wie wichtig die Einwohner in einer Stadt sind. Dass es diese überhaupt gibt, dass dort Familien mit Kindern leben, mag viele erstaunen, die tagtäglich durch die Straßen der Stadt rasen ohne Rücksicht auf Verluste. Es sind die Einwohner, die an allererster Stelle daran interessiert sind, wie ihre direkte Umgebung aussieht und ob ihr Viertel lebenswert ist. Sicher wandelt sich eine Stadt, aber in den letzten Jahre geschah das zusehends ohne allzu viel Rücksicht auf die Einwohner. Und die liberale Politik, die jahrzehntelang in der Stadt herrscht, hat wenig resp. überhaupt nicht gegengesteuert.

Die Erkenntnis, dass eine Stadt in der Hauptsache durch ihre Einwohner lebt, scheint langsam aber sicher in Vergessenheit zu geraten. Für viele wird die Stadt zusehends zu einer menschenleeren Kulisse: in der Hauptsache für wirtschaftliche Aktivitäten, manchmal für allerhand Großereignisse, die viel Lärm, Dreck und Unannehmlichkeiten erzeugen. Dann dient die Stadt gerne als Vergnügungspark für das Land und die Großregion, wo man sich ohne Hemmung gehen lassen kann. Oder sie ist ein Disneyland, durch das Touristen aus der ganzen Welt im Eiltempo geschleust werden, mit hippen Geschäftsstraßen und schicken Modeboutiquen während alteingesessene und lebensnotwendige Geschäfte der Reihe nach schließen. Wegen der Grundstückpreise dient die Stadt auch zunehmend gerne als Investitions- und Spekulationsobjekt für Anleger aus der ganzen Welt, denen die Stadt an sich reichlich schnuppe ist, Hauptsache die Preise stimmen. Dann werden Immobilien der Reihe nach in Missachtung der Gesetze zu Büroräumen umfunktioniert, verlieren ganze Straßenzüge ihre Einwohner, bleiben riesige Grundstücke mitten in der Stadt jahrzehntelang unbebaut.

Währenddessen beschäftigt sich die liberale Politik in der Hauptsache mit den „großen“ Fragen der Mobilität und der „globalen Stadtentwicklung“, wie z.B. mit Großprojekten à la Royal-Hamilius, von denen niemand vorhersagen kann, welchen Nutzen sie den Einwohnern bringen. Das einzige was man sagen kann, ist, dass es sich um ein gutes Geschäft für die Promoteure handelt, weil in der Hauptsache viele Büros und Geschäftsräume geschaffen werden, aber recht wenige, dagegen sehr teure Wohnungen. Und weil das mit Sicherheit so ertragreich ist, schließt sich eine Großbank direkt daneben derselben Logik an. Was solche Projekte in anderen europäischen Städten bewirkt haben, kann man sich am besten in der Europastadt Brüssel ansehen!

Ist die unheilvolle Entwicklung hin zu einer seelenlosen Stadt zu bremsen, in der es um Prestige und Profit geht anstatt um Lebensqualität? Ja, sie ist zu bremsen, wenn man den Einwohnern zuhört, wenn man ihre Sorgen ernst nimmt. Und sie ist zu bremsen wenn das Wohnen und Leben in der Stadt oberstes Gebot für die Politik ist.

Um zur Drogenkriminalität zurückzukommen: ein Viertel, in dem viele Häuser leer stehen bezw. abends unbewohnt sind, in dem es viele tote Ecken und dunkle Hinterhöfe gibt, wo Wohnhäuser zeilenweise abgerissen und durch Bürosilos ersetzt werden, verliert seinen Zusammenhalt und bietet sich für zwielichtige Händel an.

Daher hat der Urbanismus seine Verantwortung für ein Stadtviertel ebenso wie die Polizei. Ein Polizeikommissariat mitten im Garer Viertel, in der Glesenerstrasse, seit Monaten versprochen, aber noch nicht angekommen, gäbe den Einwohnern wohl mehr Sicherheitsgefühl.

Aber wenn in einer Straße nur einzelne Häuser bewohnt sind und um sie herum Tag und Nacht gähnende Leere herrscht, gibt es keinen Zusammenhalt und kein Nachbarschaftsgefühl. Dann ist jeder allein inmitten der großen Stadt.